Wie schmeckt es denn auf Wolke sieben?

beerkeeper auf Besuch bei Cloudwater

Piccadilly, Manchester
Paul Bräu von Cloudwater

(Der Biersepp am 2. Oktober aus Manchester): Paul Jones strahlt. „Wir sind die Benchmark“. Seine Brauerei „Cloudwater“ stellt ebenso außergewöhnliche wie hochwertige Biere her. Etwa die drei Collabrews mit The Veill. Zu ihrer Herstellung werden rund zweieinhalb Kilo Hopfen pro Hektoliter eingesetzt. (Für ein mildes Lager werden rund 200 Gramm, für ein ambitioniert gehopftes Pils 400 Gramm aufgewendet). Klar, dass Hopfen das Bier dominiert. Die Nase erinnert an das „Bonitieren“ Das machen Hopfeneinkäufer, um die Güte einer Sorte zu prüfen. Frische Dolden werden dabei zwischen den Händen verrieben, dann steckt man (im Wortsinn) die Nase in den grünen Brei.

Bislang wurde für IPA’s zwei Mal drei Tage lang Hopfen gestopft, seit Kurzem steht eine große BrauKon HopGun im Sudhaus. Dadurch verringert sich die Kontaktzeit beim Kalthopfen und durch die Verwirbelung kommen noch einmal bessere Aromen zum Tragen, so Paul.

Kein Zweifel: Die Brauerei im Industrieviertel bei der Picadilly-Station von Manchester stellt extreme Biere her. Einige Sorten spotten dem sogenannten „Reinheitsgebot“. So wird zum Beispiel frisches Ananasmus mit-verbraut. Ratet einmal, wonach dieses körperreiche Ale duftet und schmeckt.

1,5 Millionen Investment und kein Vertrieb

Für ein Microbrew-Startup, das zunächst auf einen (im unteren Bereich) vierstelligen Jahres-Ausstoß ausgerichtet war ist die Investsumme durchaus beachtlich. Doch der Erfolg gibt den Brauern recht und sie planen weitere, größere Anschaffungen. Sparen können sie – beim Vertrieb. Denn noch leben sie im Verteiler-Modus. Alles was gebraut wird, ist schnell ausverkauft, die Kunden rennen den MAN-iacs die Tür ein. Es gibt tatsächlich lediglich eine Disponentin, welche die Anfragen sortiert und für eine möglichst gerechte Bier-verteilung sorgt. Logisch, dass in einem solchen Modus Preisdiskussionen gar nicht erst aufkommen. Beachtlich bei den durchaus stolzen Preisen.

6,33 Euro für die „Halbe“.

So kostet zum Beispiel das Sortiment der drei mit The Veill gemeinsam gebrauten Ales (3 Dosen zu je 0,44 Liter) 14,80 Pfund. Das sind, trotz schwachem Kurs noch immer 16,71 Euro, also 6,33 Euro für den halben Liter Bier ab Brauerei. Dagegen ist das mit Tettnanger gehopfte „Saison“ zu nur noch 4,30 Pfund pro Dose (0,44 Liter) fast ein Schnäppchen.

Ohne Probesude

Paul Jones und sein Co-Founder gehören zu jenen großen Talenten, die realistisch antizipieren können. Das bedeutet, sie stellen sich ein Ale vor, wie es schmeckt, sich anfühlt, duftet und schreiben ein Rezept, nach dem genau so ein Bier gebraut werden kann. Bisher haben sie auf Probesude verzichtet. Innovation und Experimentierfreude sind ihnen wichtiger, als das Führen eines „Core-Beers“. Bislang gibt es keine „Standradware“ bei Cloudwater. Doch langsam aber sicher, im dritten Jahr des Bestehens, setzt ein Umdenken ein. „Wahrscheinlich werden wir uns zusätzlich eine kleine Brauerei anschaffen. Anfangs hatte man keine Meinung zu uns, wir konnten einfach daruf los brauen. Inzwischen haben wir eine Reputation aufgebaut, die wir verteidigen wollen“.

Großes Holz aus dem Tal der vielen Keller

Drei große Holzfässer bilden einen attraktiven Kontrast zum vielen Edelstahl bei Cloudwater. Sie bargen zuvor Amarone, einen wichtigen Weinstil aus dem Valpolicella. „Hast Du da keine Sorge, Paul? Es könnte doch sein, dass die Brettanomyces-Hefen aus den Amarone-Fässern sich mit Deiner Ale-Hefe kreuzen?“ Der Bräu lacht: „Das tun sie ganz sicher! Das ist unser Ziel. Wir kommen so zu unserer eigenen Cloudwater-Hefe“.

Trotzdem besteht der Plan, die Holzfass-Reifung bald in das Nachbar-Gebäude zu übersiedeln. Und damit die kleinen Freunde aus der Famile Brettanomyces wieder in Quarantäne zu stecken. Samt den Lactobazillen. „Sauerbiere sind zurzeit der Megatrend“ sagt Paul. Doch nicht jeder Bierstil ist ein saurer und die Cloudwater Ales sind fehlerlos. Wenn auch für den „puren“ Mainstream-Trinker viel zu extrem. Wer aber den außergewöhnlichen Geschmack und die Avantgarde sucht, ist bei Paul und seinem Team gut aufgehoben.

Für die CAMRA suspekt

Die CAMRA (Campain For Real Ale) hat über hunderttausend Mitglieder und ist damit eine mächtige Bier-Konsument*innen Vereinigung. Mit sekptischem Blick werden seitens der CAMRA die Aktivitäten und vor allem der Erfolg von Cloudwater beäugt – denn „Real“ schmeckt im Verständnis der Traditionshüter durchaus anders, als die innovativen Produkte aus dem Picadilly Trade Estate. Dennoch bemüht sich Paul um einen Dialog mit den Wächtern des wahren englischen Biers. Hoffentlich kommt etwas Gescheites dabei heraus. Denn für das Bier ist beides gleichermaßen wichtig: Das Wissen um seine Wurzeln auf der einen Seite und die Kraft, Neues von hoher Güte zu ersinnen, herzustellen und auf den Markt zu bringen, auf der anderen Seite. Paul sieht sich und seine Marke durchaus in bieriger Tradition. „Es war zu jeder Zeit eine wichtige Tugend der besten Brauer, neue Wege zu gehen“.
Bild: Paul Jones vor seinen Amarone-Fässern. (Foto: Der Biersepp)

Wir danken der OTTAKRINGER Brauerei, die uns diese Reise ermöglicht hat. 

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