Wolfgang Stempfl – das Bier in Person

drinctec 12. September 2017
schmust mit seinem Pappkameraden.

Nach 30 Jahren Doemens, davon 17 Jahre in leitender Position, übergibt Wolfgang Stempfl die Geschäftsführung an seinen Nachfolger Werner Glossner. (Der Biersepp, 20. September 2017) Zur Verabschiedung von Wolfgang Stempfl, die auch in einer Gala im Rahmen der „drinctec“ zelebriert wurde, durften wir, Birgit Rieber und Der Biersepp, im Auftrag von Doemens einen kleinen Film machen. Den findet Ihr auf dem beerkeeper facebook-Profil.

Wegbereiter für den Craftbier Trend

Stempfls Amtsperiode umspannte einen für die Bierkultur besonders spannenden Zeitabschnitt. Jenen, in welchem dem Bier neue Aufmerksamkeit zukam, in welchem die Bier-Vielfalt wieder entdeckt wurde. Davor gab es Jahre der Konzentration. Große Konzerne fraßen immer mehr kleine, private Brauereien; ausgefallene Biere wurden auf dem Altar der ‚Mehrheitsfähigkeit‘ geopfert. Massentaugliche Bierstile wurden Schritt für Schritt ihrer besonderen Merkmale beraubt (siehe die Entwicklung der Herbe im Pils). Bei „Fernsehbieren“ findet man bis heute „Ecken und Kanten“ eher in Werbeaussagen, als im Bier selbst.

Wolfgang Stempfl hat den Turnaround nicht alleine bewerkstelligt. Aber ohne sein Wirken wäre die für die neue Bierkultur so wichtige Bewegung, weg von der Monotonie der Massenprodukte, zurück zur Biervielfalt, nicht annähernd so fulminant verlaufen. Stempfls Einfluss hat den Trend verstärkt, Brauer darin bestärkt, den Geschmack (auch ihren eigenen) wieder ernst zu nehmen und neue Stile zu entwickeln. Er hat „Craftbier“ in unseren Breiten den Weg geebnet.

Speziell in den deutschsprachigen Ländern war und ist sein Einfluss enorm. Er war eben der richtige Mann am richtigen Ort. Als Ausbildungsleiter bei Doemens hatte er unmittelbaren Zugang zur Jugend. Und somit mächtigen Einfluss auf wichtige Influencer der nachwachsenden Generationen „Im Bier“. Ein Schneeball-Effekt. Seine Ideen und sein persönliches Engagement haben über diesen Weg zu einem neuen, jungen Selbstverständnis im Bier geführt.

Aber Stempfl kann Menschen aller Generationen für seine Ideen gewinnen. Das liegt an seinem Charisma. Seine Strahlkraft und andere persönliche Charaktereigenschaften sind das Geheimnis seines Erfolges; der Urgrund der Wirkung, welche seine Ideen erzielen. Zu seinen Charakterzügen gehört auch die Beharrlichkeit, mit welcher er seine Vorstellungen verfolgt.

Diese hartnäckige Zielstrebigkeit ruht auf einem gesunden Selbstbewusstsein. Stempfl verbindet beides mit seiner konzilianten Art. Er ist erreichbar, hat Zeit. (Wie er das bei seinem Aufabenpensum schafft, war mir immer ein Rätsel). Mit seinem offenen, heiteren, erzählerischen Wesen wirkt er als starker Menschen-Magnet. Hm,… eigentlich ein schwaches Bild,… denn Stempfl zieht nicht nur ein Element an, er weiß fast alle zu begeistern.

Listig – aber nicht hinterlistig

Der gute Mann hat eine Breitenwirkung, die sich manche Marketer von ihrem Massenbier wünschen würden. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: Stempfl ist alles andere als „kantenbefreit“. Das spürt jeder, der ihm begegnet sofort. Unvergleichlich, wie er, mit listigen Augen und seiner leicht knarzigen Stimme, Anekdoten von sich gibt – und dann selber herzlich lachen muss. Wer ihn besser kennt, wittert die Zielstrebigkeit, welche er hinter der heiteren Schale zu verbergen weiß; erkennt, dass selbst „kleine lustige Einschübe“ selten ganz zufällig daherkommen. Das könnte angst machen – tut es aber nicht. Denn dahinter steckt positives Streben. Wer ihn länger kennt, weiß ohnehin um seine lauteren Absichten, Wolfgang ist listig – aber nicht hinterlistig.

Mehr noch: Stempfls Intention, in der Bierszene für eine harmonische Grundstimmung zu sorgen, trotz vielerlei Konfliktstoff, ist legendär. Er nahm er sich stets (Manches Mal sogar viel) Zeit, um bei Streitigkeiten zu vermitteln. Und war dabei fast immer erfolgreich.

Biersommelier

Stempfls Einfluss auf die positive Entwicklung des Bieres ist auch auf wirkmächtige Hebel zurückzuführen, die er selbst erfunden hat. Der bekannteste heißt „Biersommelier“. In der Zwischenzeit schwirren mehr als 3.000 diplomierte Stempfl-Adepten in der Weltgeschichte umher und verbreiten (hoffentlich) seine Botschaft von der Vielfalt der Geschmäcker und Stile. Und jene von der Notwendigkeit, das Bier ordentlich zu pflegen.

Ich erlaube mir an dieser Stelle als Beispiel zu dienen. 2008 habe auch ich den Biersommelier-Kurs in Gräfelfing besucht. Das hat mein Leben komplett umgekrempelt. Bald war es nahezu ausschließlich dem schäumenden Gebräu gewidmet. Mein Unternehmen heißt nun „Institut für Bierkultur„; wir haben mit beerkeeper eine eigene Ausbildungsschiene entwickelt, die Stempfls Ideen in die Welt trägt und weiter entwickelt. Inzwischen habe ich gemeinsam mit Birgit Rieber (die ich im Biersommelier-Kurs kennen gelernt habe) an die tausend beerkeeper ausgebildet. Somit tragen wir unser Schärflein dazu bei, dass „Bierpflege“ nicht ausstirbt. So nebenbei sind ein paar Bierbücher, eine TV-Doku, viele Ausgaben des Magazins bier.pur, zahlreiche weitere Publikationen, sowie Arbeiten für Brauereiverbände und Brauereien entstanden. Wäre das ohne Wolfgang Stempfl so gekommen? Sicher nicht. Und ich bin überzeugt, dass es viele weitere Beispiele gibt. Von Menschen in welchen Stempfls Saat aufgegangen ist und die heute an einflussreichen Positionen zur Weiterentwicklung der Bierkultur beitragen.

Gerade in einer Zeit, da virtuelle Räume und ebensolche Kommunikationsschienen überhand nehmen, da Roboter uns allerlei Arbeit abnehmen (speziell auch in Brauereien), da Programme und Algorithmen unser Leben steuern, ist es wunderbar erfrischend, wenn ein einzelner Mensch so viel bewirken kann. Stempfl konnte dank seiner Persönlichkeit, seines sympathischen Wesens, seiner Ausstrahlung die Bierwelt aus den Angeln heben – um sie neu auf Achse zu setzen, fröhlicher kreisend, aufblühend.

Das Bier bringt uns zurück, ins Gespräch

Bier verbindet die Menschen. Der gute alte Stoff veranlasst uns dazu, die Apparate (Handies, Tablets, SmartWatches etc.), welche uns für gewöhnlich steuern, diese ‚kybernetischen Exoparasiten‘, wenigstens für ein paar Minuten außer Acht zu lassen. Ein Schluck Bier kann nicht digitalisert werden – was für ein Glück! Das Bier bringt uns zurück, ins Gespräch. Das wird immer wichtiger, denn ‚reale‘ Hinwendungen zu anderen Menschen werden immer rarer. Allein durch diesen Umstand kommt dem Bier in der Zukunft eine noch bedeutendere Rolle zu.

Wolfgang Stempfl hat das erkannt und immer in diese Richtung agiert. Er ist halt selber, wie ein gutes Bier: Attraktiv, erfrischend, erheiternd und verbindend. Ad multos annos, lieber Wolfgang.

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